Chatiquette (engl.) - Verhaltensregeln in Kommunikationsprozessen (de.)
Einleitung
Im Jahre 1788 veröffentlichte Adolph Freiherr Knigge sein Werk „Über den Umgang mit Menschen“, das bis heute den Standard in Bezug auf Verhaltensregeln darstellt. Knigge beabsichtigte damit eine Aufklärungsschrift für Taktgefühl und Höflichkeit im menschlichen Miteinander, die Enttäuschungen, insbesondere in der persönlichen Begegnung, vermeiden sollte.
Vor mehr als zweihundert Jahren stand allerdings die elektronische Kommunikation jenseits jeglicher Vorstellungskraft. Dennoch steht der Name Knigge bis heute als Synonym für angemessenes Benehmen in jedweder Form und hat auch Einzug in die neuen Medien gehalten. So ist die Art des Umgangs miteinander nach wie vor von großer Bedeutung.
Mediale Schriftlichkeit und konzeptionelle Mündlichkeit
Grundsätzlich wird zwischen schriftlicher und mündlicher Kommunikation unterschieden. Während schriftliche Kommunikation bestimmten Regeln (z.B. Grammatik) folgen muss, wie zum Beispiel grammatikalische Richtigkeit, großer Wortschatz, Einsatz unterschiedlicher Tempora und Modi, wird in der mündlichen Kommunikation der Einsatz dieser Regeln nicht verlangt, sie wirken oftmals sogar steif oder häufig deplatziert.
Nach dem Modell von Koch/Oesterreicher ist der Chat in Bezug auf das Medium schriftlich, von seiner Konzeption her aber mündlich. Das heißt, das hier die Merkmale mündlicher Sprache greifen wie Parataxen, Pausen/Wiederholungen, grammatikalische Fehler, Anglizismen, ein reduzierter Wortschatz, Allegroformen, Dialekt, Umgangssprache, Interjektionen, Verb-Letzt-Konstruktionen und non-verbale Kommunikation.
Es scheint nicht möglich, von einer typischen Chat-Sprache zu sprechen, da es eine Vielzahl von Chats gibt wie z.B. moderierte und nicht moderierte Chats. In einem moderierten Chat, an dem Ärzte teilnehmen, ist die Sprache konzeptionell schriftlicher als in einem privaten Chat.
Kommunikationsprozess
Für jegliche Kommunikation im Chat gibt es einen Standard, die sogenannte „Chatiquette“, zusammengesetzt aus den beiden Wörtern „Chat“ und „Etikette“. Sie enthält keine Vorschrift, sondern Verhaltensregeln, die sich im Laufe der Zeit etabliert haben.
Die Notwendigkeit solcher Regeln ergibt sich daraus, dass im Internet (z.B. in Chaträumen) verschiedene einander unbekannte Personen kommunizieren. Diese Anonymität kann leicht zu Fehlverhalten verleiten. Daher muss jeder Chatraum-Betreiber Richtlinien formulieren, die von den Teilnehmern akzeptiert werden müssen. Letztlich sind alle in den Kernpunkten annähernd deckungsgleich.
So sind folgende Leitlinien von allen Teilnehmern einzuhalten:
- Handle so, wie du auch behandelt werden möchtest
- Wechsle den Chatraum anstatt unangemessen zu reagieren
- Bringe Dich positiv und interessant in den Chat ein
- Wahre Distanz und gib keine persönlichen Details preis
- Sprich einzelne Personen direkt an, indem Du der Frage bzw. Äußerung der Nick des Benutzers vorangestellt wird (z.B.: „@user1, kannst du mir sagen,…“)
- Vermeide Großbuchstaben oder fett gesetzte Wörter (dies symbolisiert lautes Schreien)
- Äußere Dich nicht in rassistischer, pornographischer oder sonst rechtswidriger Form
- Nutze bekannte Emoticons
- Hüte Dich vor Ironie. Diese kann falsch verstanden wird. Sie lebt von der Mimik und/oder Gestik des Senders. Diese beiden Aspekte werden im Internet/in Chats durch Emoticons verdeutlicht. Die gebräuchlichsten Emoticons sind:
:) oder :-) | Ein klassischer Smiley! Drückt Vergnügen, Ironie oder einen Scherz aus | T_T | „Ich brech in Tränen aus“, Zeichen für Trauer |
| :( oder :-( | Das Gegenteil: Trauer, Mißfallen, Gekränktheit | @^-^@ | Oh, wie peinlich: das Zeichen für „Rot Werden“ |
| @-`-,----- | Wie romantisch: Eine virtuelle Rose als Geschenk | *^-^* | Breites Grinsen |
| ;) oder ;-) | Zuzwinkern, ein Auge zukneifen | ^-^; | Wenn’s kritisch wird oder man eine gute Nachricht erwartet, zeigt man das so |
| :-p | Bääääh! So streckt man im Web die Zunge raus! | | |
| 0:-) | Der Heiligenschein als ultimativer „Ich? Was hab ich damit zu tun…“ Ausdruck oder kleine Selbstbeweih-räucherung | ||
Die Identität der Teilnehmer und der Wahrheitsgehalt der Aussagen sind durch die Anonymität des virtuellen Raums nicht nachprüfbar. Ein guter Ansatz wäre die Selbstverpflichtung aller Teilnehmer, nur das zu schreiben, was einer Überprüfung standhält.
Quellen:
http://www.mediensprache.net
http://www.emoticon.com
http://de.wikipedia.org/wiki/Chatiquette
Rheinische Post, 19.09.2007
Modell von Koch/Oesterreicher in: Günther, Hartmut und Otto Ludwig (Hrsg.): Schrift und Schriftlichkeit. Ein interdisziplinäres Handbuch internationaler Forschung, 1. Halbband, Berlin, De Gruyter, 1994, S. 587-604.