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Konjunktur (de.) - Business cycle (engl.)

Der Begriff Konjunktur stammt von dem lateinischen Wort „coniungere“ ab und meint eine Verbindung aus mehreren Elementen. In der Volkswirtschaftslehre werden unter dem Begriff Konjunktur  mehrjährige Schwankungen der wirtschaftlichen Tätigkeit verstanden, die eine Abweichung von dem gleichgewichtigen Wachstumspfad einer Volkswirtschaft darstellen.  Allgemein kann davon ausgegangen werden, dass in allen Industrieländern die wirtschaftliche Aktivität im Laufe der Jahre kontinuierlich wächst[1]. Dem gegenüber steht die Konjunktur, die Schwankungen der tatsächlichen Outputmenge einer Volkswirtschaft abbilden. Diese Schwankungen entstehen durch ein Ungleichgewicht zwischen der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage und des gesamtwirtschaftlichen Angebotes. Da Nachfrage ein inkonstanter Faktor ist, muss die Produktion ständig neu angepasst werden, um einen Ausgleich zwischen den beiden Faktoren zu erreichen. Die Schwankungen stellen demnach Bewegungen innerhalb eines Produktionspotenzials dar, wobei der Auslastungsgrad der Kapazität variiert[2].

Konjunkturschwankungen um den Wachstumstrend   Abbildung 1: Konjunkturschwankungen um den Wachstumspfad

 

Arten von Wirtschaftsschwankungen

Ist von wirtschaftlichen Schwankungen die Rede, so wird zwischen drei verschiedenen Arten der Schwankungen unterschieden, die sich vor allem in ihrer Dauer klar voneinander abgrenzen.

Kondratieff-Zyklen sind mit einer Dauer von 50-60 Jahren deutlich die längsten wirtschaftlichen Schwankungen. Ausgelöst werden diese langfristigen Wirtschaftschwankungen durch technische Innovationen, die tiefgreifende strukturelle Wandlungen auslösen. Beispiele für solche Innovationen sind  Erfindungen wie die Dampfmaschine oder die Telekommunikationstechnik.

Als mittelfristige wirtschaftliche Schwankungen werden die Konjunkturschwankungen bezeichnet. Über die Länge ihrer Dauer gibt es viele verschiedene Ansichten. In der Regel erstrecken sie sich über einen Zeitraum von 4-7 Jahren.

Neben den Konjunkturschwankungen gibt es auch noch die saisonalen Schwankungen, die ebenfalls die Produktionskapazität einer Volkswirtschaft verändern, aber klar voneinander zu unterscheiden sind (Abb. 2). Ursache dieser Schwankungen ist vor allem der Klimawechsel der Jahreszeiten, der für einige Branchen ein Problem darstellt. Ihre Dauer erstreckt sich nie über ein Jahr hinaus, im Durchschnitt beträgt sie drei Monate. Dabei handelt es sich um kurzfristige Veränderungen des Produktionspotenziales von einzelnen Wirtschaftsbranchen und nicht von der Gesamtwirtschaft. Betroffene Wirtschaftsbranchen sind die Landwirtschaft, das Baugewerbe sowie der Tourismus.

Saisonale SchwankungenAbbildung 2: Saisonale Schwankungen

Konjunkturzyklen

Wird die Betrachtungsweise nun wieder auf die Konjunktur gerichtet, so sei zu beachten, dass diese wiederkehrenden wirtschaftlichen Wechsellagen industrialisierter Marktwirtschaften in sogenannte Konjunkturzyklen unterteilt werden, wobei es sich um eine Abfolge von ähnlichen, sich wiederholenden wellenförmigen Schwingungen handelt, die je nach Phase aufsteigende oder fallende Tendenzen volkswirtschaftlicher Tätigkeiten beschreiben. Obwohl sich konjunkturelle Schwankungen in vielen Kriterien gleichen, ist keine Wirtschaftsschwankung gleich der anderen, sondern jede hat ihre individuellen Ausprägungen, die von der wirtschaftlichen Gesamtsituation bestimmt werden.  

Grundsätzlich wird der Konjunkturzyklus in vier unterschiedliche Phasen untergliedert (Abb.3). Während der Aufschwungphase, die auch als Expansion bezeichnet wird, erholt sich die Wirtschaft von einer vorherigen/ vorangegangenen Krise bzw. Depression. Da die Erwartungen für die wirtschaftliche Entwicklung inzwischen wieder positiv sind, investieren Unternehmen in neue Arbeitskräfte sowie günstige Investitionsgüter, um somit ihre Produktion und gleichzeitig ihr Angebot auf dem Konsummarkt zu erhöhen. Begünstigt wird die Finanzierung der Produktionserweiterung durch niedrige Zinsen der Kredite, die auf die Liquidität der Kreditinstitute zurückzuführen sind. Gleichzeitig hat die Vielzahl von Einstellungen neuer Arbeitskräfte zwei Effekte: Auf der einen Seite sinkt die Arbeitslosenquote eines Landes und auf der anderen Seite steigt das Volkseinkommen. Daraus wiederum ergibt sich ein Anstieg der Nachfrage, sodass sich zunehmend weniger überschüssiges Angebot von Unternehmen auf dem Markt befindet.  Zudem profitieren Unternehmen von sinkenden Stückkosten (Skalenerträgen), die auf eine Erhöhung der Produktion zurückzuführen sind. Obwohl die Unternehmensgewinne steigen, ist zu Beginn der Phase vorerst keine Preissteigerung zu verzeichnen, um keine potenziellen Käufer abzuschrecken. Ebenso bleiben auch die Zinsen verhältnismäßig niedrig. Auf dem Aktienmarkt steigen die Kurse zeitgleich, da Spekulanten aufgrund der positiven Erwartungen in Aktien investieren. Dies alles führt zu einem wirtschaftlichen Aufschwung, der durch eine zunehmende Kapazitätsauslastung der Volkswirtschaft gekennzeichnet ist[3].

Wenn der Aufschwung abflacht, folgt die Hochkonjunktur, der sogenannte Boom. Boom und Expansion zusammen werden auch als Expansionsphase bezeichnet, da die wirtschaftliche Kapazitätsauslastung zunimmt. In der Hochkonjunktur ist das Maximum der wirtschaftlichen Aktivität einer Volkswirtschaft erreicht und das Produktionspotenzial ist somit komplett ausgelastet. Ebenso herrscht ein Zustand der Vollbeschäftigung. Dies meint, dass der Arbeitsmarkt geräumt ist und nahezu alle, die zu dem Marktlohnsatz arbeiten wollen, einen Arbeitsplatz finden. Aufgrund dieses hohen Beschäftigungsgrades steht den Haushalten ein überdurchschnittliches Einkommen zur Verfügung, welches sich auf ihr Konsumverhalten auswirkt. Diese hohe Konsumgüternachfrage von Haushalten führt zu einer kontinuierlichen Produktionserweiterung auf Unternehmerseiten, da diese den maximalen Gewinn erzielen wollen. Ebenso bewirkt die überdurchschnittliche Nachfrage einen Anstieg der Güterpreise sowie der Zinssätze. Irgendwann kommt der Wendepunkt, an dem der Markt überlastet ist. Die finanziellen Mittel der Kreditinstitute sind knapp geworden und daraufhin fallen die Wertpapierkurse. Zudem verringern sich die Gewinne der Unternehmen, da die Kosten für Arbeiter und Investitionsgüter im Verhältnis zum Umsatz stark angestiegen sind. Zudem übersteigt das Angebot die Nachfrage, sodass es zu einem Überangebot kommt. In diesem Fall wird von einer Sättigung des Marktes gesprochen.

Sobald der Markt gesättigt ist, folgt die Rezession. In diesem Abschwung nimmt die Gesamtnachfrage ab und es kommt zu einer Veränderung des Verhältnisses zwischen Angebot und Nachfrage. Aufgrund des Nachfragerückganges, der unter anderem an die pessimistischen Erwartungen gekoppelt ist, werden die am Markt angebotenen Güter zunehmend weniger konsumiert und folglich sinkt die Auslastung der Produktionskapazität. Unternehmen merken den Nachfragerückgang in Form von Umsatz- und Gewinneinbußen und reagieren mit einer Drosselung der Produktion. Da die Stückkosten sowie Rohstoffpreise enorm angestiegen sind, verfolgen sie das Ziel der Kostensenkung, indem vor allem Arbeitskräfte entlassen werden. Als Resultat sinken sowohl die Beschäftigungsquote als auch das BIP. Auch die Kreditinstitute verzeichnen einen Rückgang der Nachfrage nach Darlehen und somit fallen die Zinssätze.

In der Depression, die auch als Konjunkturtief bezeichnet wird, gehört zusammen mit der Rezession zu der sogenannten Kontraktionsphase. Während diesem Wirtschaftstief besteht eine hohe Arbeitslosigkeit, die auf die Vielzahl der Entlassungen zurückzuführen ist. Demnach ist die durchschnittliche Kaufkraft der Haushalte sehr niedrig und wirkt  sich somit negativ auf die Konsumausgaben aus. Produktionspotenziale sind überhaupt nicht ausgelastet und als Resultat kommt es zu einem extremen Rückgang der Unternehmensgewinne bis hin zu hohen Verlusten. Um der Spanne zwischen Angebot und Nachfrage entgegenzuwirken, werden Produktionen massiv eingeschränkt und vorerst keine neuen Investitionen getätigt. Während Unternehmen die Güterpreise senken, mindern Kreditinstitute die Zinssätze. Ziel ist es, Kaufanreize für die Haushalte zu schaffen, um somit die Nachfrage zu stärken.

Konjunkturzyklen  Abbildung 3: Konjunkturzyklen

 

Konjunkturanalyse mittels Indikatoren

Soll der Konjunkturverlauf genau analysiert werden, so muss zuerst eine Isolation von den saisonalen Schwankungen als auch von dem wirtschaftlichen Trend erfolgen, um ein aussagekräftiges Ergebnis zu erhalten. Demnach muss der wirtschaftliche Trend in der Betrachtung abstrahiert werden, da selbst in einer konjunkturellen schwachen Phase, also in der Rezession oder der Depression, das Wirtschaftswachstum aufgrund eines steigenden Wachstumpfades positiv sein kann.

Die Bestimmung der konjunkturellen Lage einer Volkswirtschaft erfolgt in der Regel durch das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP), das die wirtschaftliche Aktivität einer Volkswirtschaft misst. Dabei wird der Gesamtwert aller Güter erfasst, die in einem Land innerhalb einer bestimmten Periode produziert wurden und dem Endverbrauch dienen.

Konjunkturverläufe werden von der Wirtschaftspolitik, den Zentralbanken, dem Sachverständigenrat und von Wirtschaftsinstituten mit Hilfe von verschiedensten Indikatoren gleichlaufend beobachtet (coinciding indicators), im Vorhinein prognostiziert (leading indicators) oder im Nachhinein analysiert (laging indicators)[4]. Allgemein anerkannte und anwendbare Indikatoren zur Messung der zeitlichen Dauer und des Ausmaßes von Konjunkturzyklen gibt es in einer Volkswirtschaft nicht, da kein Konjunkturverlauf einem anderen gleicht, sondern immer wieder Besonderheiten auftreten. Zudem sind die Indikatoren abhängig von der jeweiligen wirtschaftstheoretischen Basis, auf der sie beruhen. Trotz der genannten Problematiken, wird das reale Bruttoinlandsprodukt nicht selten als Maßstab für die Güterproduktion einer Volkswirtschaft verwendet, um so die Konjunkturzyklen voneinander zu unterscheiden. Eine weitere Messgröße stellt das Produktionspotenzial einer Wirtschaft dar. Dabei wird ermittelt, wie stark die Produktionskapazität einer Wirtschaft ausgelastet ist, um Rückschlüsse ziehen zu können, wie sehr Güterangebot und –nachfrage voneinander abweichen[5]. Während das Produktionspotenzial das Angebot bestimmt, wird die Nachfrage durch das reale BIP festgelegt. Desweiteren werden der private Verbrauch sowie Konsumausgaben des Staates auf einem Markt als Maßstab für die Nachfrage betrachtet, um somit Erklärungen für die Wirtschaftsschwankungen zu finden. Weitere Indikatoren sind beispielsweise das Nationaleinkommen, die Arbeitslosenquote, der private Verbrauch, der Auftragsbestand, aber auch Kosten, Preise, Import, Export u.v.m.

Welche dieser Indikatoren nun verwendet werden, hängt, wie bereits erwähnt, von der jeweiligen Konjunkturtheorie ab. Diese versuchen die wirtschaftlichen Schwankungen zu erklären, um somit die Wirkungskräfte zu identifizieren. Anhand der Ergebnisse lassen sich konjunkturpolitische Maßnahmen ableiten.

 

Erklärungsansätze der Konjunktur

Eine der bekanntesten Erklärungsansätze der Konjunktur wurde von John Maynard Keynes aufgestellt. Der Keynesianismus besagt, dass Konjunkturschwankungen durch Ungleichgewichte auf Güter- und Faktormärkten entstehen. Deshalb ist es erwünscht, dass der Staat durch nachfrage- oder angebotsorientierte Konjunkturpolitik aktiv in das Wirtschaftsgeschehen eingreift. Während bei der nachfrageorientierten Konjunkturpolitik die Nachfrage der Haushalte gestärkt werden soll, zielt die angebotsorientierte Konjunkturpolitik auf eine Unterstützung der Unternehmen ab, beispielsweise in Form von einer Verbesserung der Infrastruktur.

Der Monetarismus ist ein ebenfalls sehr bekannter Ansatz zur Erklärung der Konjunkturerscheinungen. Allerdings werden die wirtschaftlichen Schwankungen nicht als Resultat von Ungleichgewichten angesehen, sondern als Folge von Staatseingriffen. Der Monetarismus basiert auf der Theorie von Adam Smith aus dem 18. Jahrhundert, nach der Staatseingriffe vermieden werden sollen und stattdessen eine Verbesserung der Produktions- und Leistungsbedingungen angestrebt wird. 

 

Quellen:

Graf, G., Grundlagen der Volkswirtschaftslehre, 2. Auflage, 2002 Heidelberg

Hartmann, G. B., Volks- und Weltwirtschaft, 21. Auflage, Rinteln 2002

Lorz, S., Einführung in die Volkswirtschaftslehre, 15. Auflage, Stuttgart 2007

Puhani, J., Volkswirtschaftslehre Basiswissen, 2. Auflage, München 2003

Weeber, J., Einführung in die Volkswirtschaftslehre, 2. Auflage, Oldenburg 2009


[1] Vgl. Lorz (2007), S. 337

[2] Vgl. Weeber (2009),  S.199

[3] Vgl. Hartmann (2002), S. 422

[4] Vgl. Puhani (2003), S. 129

[5] Vgl. Graf (2002),  S. 309